Mit dieser Frage beginnt Alena Jabreen die szenische Lesung ihres autobiographischen Buches „Der letzte Himmel“ am Berliner Ensemble, die der LK Politik am 15. April besuchte.

An diesem Abend nimmt sie uns mit auf eine Reise in ihre eigenen Erinnerungen und Begegnungen während ihren zahlreichen Aufenthalten in Israel und Palästina. Als Tochter eines Palästinensers mit israelischem Pass und einer Deutschen, wechselt sie seit ihrer Kindheit zwischen diesen Welten und schildert aus eigener Erfahrung die Schwierigkeiten eines Alltags unter der Besatzung.

So kommt uns eine Lebenswirklichkeit näher, über die wir hier in Deutschland verhältnismäßig wenig wissen und sprechen. Im Anschluss unterhielt sich Alena mit uns und fragte uns, welche Episoden uns besonders in Erinnerung bleiben werden. Für viele war das der schwierige Schulweg der Kinder eines palästinensischen Dorfes entlang zweier Siedlungen, auf dem sie täglich von Soldaten und Menschenrechtaktivisten vor Gewalt durch diese Siedler beschützt werden müssen. Aber auch die Gefahr, sogar für Minderjährige, willkürlich vom Militär festgenommen zu werden. Ebenso die Stärke, nach einer traumatischen Erfahrung einen Tee zu trinken und die Kraft aufzubringen, weiterzumachen. Oder die gigantische Zelebrierung des Abiturs, das den Absolvent*innen und ihren Familien das gute Gefühl gibt, ihr Leben und ihre Zukunft selbst gestalten und positiv beeinflussen zu können und für einen Tag ganz „normale“ Jugendliche zu sein. Tatsächlich werden die besten Ergebnisse traditionell von den Mädchen aus Gaza erzielt und somit unter den schwierigsten Umständen überhaupt.

In der darauffolgenden Woche kam eine Theaterpädagogin des BE zu uns in den Kurs, um diese Eindrücke noch einmal nachzubereiten. Wir sprachen zunächst darüber, woran wir nun denken, wenn wir „Palästina“ hören. Neben all dem Leid und dem dort herrschenden Krieg, war das dank der Lesung auch der Geruch von Thymian oder Kaffee mit Kardamon, Tänze und Lieder, von denen Alena uns einen Eindruck gab und die viel Lebensfreude und Widerstandskraft vermitteln. Dann berichtete jeder von uns anhand eines mitgebrachten Gegenstandes, was für uns „Zuhause“ bedeutet und wir dachten gemeinsam darüber nach, wie wichtig uns diese Erinnerungsgegenstände sind, als Teil unserer Identität. Für Palästinenser*innen ist dies oft der Schlüssel zu dem Haus, aus dem sie vertrieben wurden, oder aber Fotos von verstorbenen Familienmitgliedern. Zum Abschluss inszenierten wir in Kleingruppen prägende Momente unseres Lebens und vollzogen so die Methodik nach, mit der Aleena bei ihrer Lesung vorgegangen war.

Für uns bleibt hängen, wie wichtig es ist, im Nahostkonflikt der Perspektive aller davon betroffenen Menschen zuzuhören und auch Worte für das Unrecht zu finden, das ihnen widerfährt. Was vorher für manche von uns ein abstrakter Begriff war, der uns mit der schweren Frage konfrontierte, „auf welcher Seite“ man nun stehe, ist dadurch zu einer Einsicht geworden, dass am Ende nicht unsere Meinung wichtig ist, sondern unsere Fähigkeit, Empathie aufzubringen, für alle Menschen, die unter politisch schwierigsten Umständen versuchen, ihr Leben zu leben und ihre Würde zu bewahren.